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Dersim

Kleine Anfrage: Massaker und Vertreibungen an der alevitischen Bevölkerung in Dersim 1937 und 1938 (Tertelê)


[Anfragedokument als PDF]

Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke, Gökay Akbulut, Dr. André Hahn, Christine Buchholz, Andrej Hunko, Amira Mohamed Ali, Niema Movassat, Thomas Nord, Petra Pau, Sören Pellmann, Tobias Pflüger, Martina Renner, Kersten Steinke, Friedrich Straetmanns, Dr. Kirsten Tackmann und der Fraktion DIE LINKE. (Drucksache 19/8944)

Massaker und Vertreibungen an der alevitischen Bevölkerung in Dersim 1937 und 1938 (Tertelê)

Als „Tertelê“ – der Tag an dem die Welt unterging- bezeichnen Überlebende und Nachfahren die Massaker und Vertreibungen großer Teile der kurdischen, alevitischen, zazasprachigen Bevölkerung in der ostanatolischen Region Dersim (türkisch: Tunceli) durch die türkische Armee in den Jahren 1937/38 (www.aga- online.org/texts/dersim.php?locale=en). Ein „Gesetz zur Umsiedlung“ vom 14. Juni 1934 sah die landesweite Türkisierung durch die Zersiedelung nicht-türkischer Mehrheitsgebiete bzw. deren Entvölkerung aus „gesundheitlichen, ökonomischen, kulturellen, militärischen und sicherheitstechnischen Gründen“ vor, „um die Bevölkerungskonzentration der nicht türkischsprachigen Menschen zu verhindern und die bereits vorhandene aufzulösen“. Im selben Jahr wurde Dersim in Tunceli umbenannt. 1935 verabschiedete die Große Nationalversammlung ein Sondergesetz, das Tunceli einem Militärgouverneur unterstellte, der nach eigenem Gutdünken Festnahmen und Deportationen anordnen durfte. Kleinere Sabotageakte aus der örtlichen Bevölkerung dienten 1937 als Anlass für eine Strafexpedition. Ein Geheimbeschluss des Ministerrats vom 4. Mai 1937 forderte eine „Endlösung“. Die Armee solle alle, „die Waffen benutzt hatten oder benutzen, ein für alle Mal an Ort und Stelle unschädlich machen, vollständig ihre Dörfer zerstören und ihre Familien entfernen“ (www.aga-online.org/texts/dersim.php? locale=en). Der aus Dersim stammende Aktivist der kurdischen Nationalbewegung, Dr. Mehmet Nurî Dersimî berichtete, dass sich die Frauen und Kinder jener Stämme, deren Männer gegen die Armee kämpften, in Höhlen versteckten: „Tausende dieser Frauen und Kinder kamen um, weil die Armee die Höhleneingänge vermauerte. Dieser Höhlen sind auf den Militärkarten der Region mit Zahlen versehen. An den Eingängen zu anderen Höhlen entfachte das Militär Feuer um jene im Innern zu ersticken. Wer aus den Höhlen zu fliehen versuchte, wurde mit dem Bajonette niedergemacht. Ein Großteil der Frauen und Kinder [der Stämme] Kureyschan und Bachtijar sprang von den hohen Klippen in die Schluchten des Munzur und Partschik, um nicht den Türken in die Hände zu fallen. […] Alle, die zu fliehen versuchten oder Zuflucht bei der Armee suchten, wurden zusammen getrieben. Die Männer wurden auf der Stelle erschossen und die Frauen und Kinder in Scheunen gesperrt, die man in Brand setzte“ (www.aga-online.org/texts/ dersim.php?locale=en). Der Anführer des Widerstands Seyîd Riza und elf seiner Gefolgsleute wurden nach ihrer Gefangenschaft im November 1937 in Elazig hingerichtet. 1938 setzte die Armee ihre Strafexpedition fort, die sich nun auch gegen regierungstreue Stämme richtete. Die Armee setzte Giftgas ein, Flugzeuge bombardierten die Dörfer aus der Luft (www.heise.de/tp/features/Das-Dersim- Massaker-an-den-alevitischen-Kurden-in-der-Tuerkei-3372147.html).

Dokumente des türkischen Gesundheitsministeriums sollen belegen, dass das verwendete Giftgas aus Deutschland stammte. Demnach sollen deutsche Chemiewaffenspezialisten die türkische Armee bei der Benutzung dieser Giftgas-Waffen geschult haben (www.haberturk.com/gundem/haber/1013740-zehirli-gaz- almanyadan-once-dersimde-kullanildi). Nach amtlichen Angaben starben 1937/38 13 806 Menschen, das entspricht fast einem Zehntel der damaligen Bevölkerung Tuncelis. Andere Quellen gehen von bis zu 70 000 Opfern aus (www.zeit.de/ politik/ausland/2011-11/erdogan-kurden-entschuldigung?print). Zehntausende Bewohner von Dersim wurden anschließend in andere Landesteile deportiert (www.heise.de/tp/features/Das-Dersim-Massaker-an-den-alevitischen-Kurden-in- der-Tuerkei-3372147.html). Als erster Regierungschef entschuldigte sich der damalige Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan im Jahr 2011 „im Namen des Staates“ für die Massaker an der Bevölkerung von Tunceli, die er als „eines der tragischsten und schmerzhaftesten Ereignisse unserer neueren Geschichte“ bezeichnete. Zugleich rief Erdogan die kemalistische Republikanische Volkspartei CHP, unter deren Regierung in der Zeit der Einparteienherrschaft die Massaker von Dersim begangen wurden, zur Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte auf (www.zeit.de/politik/ausland/2011-11/erdogan-kurden-entschuldigung?print). Viele Menschen aus Dersim kamen in den 1960er Jahren im Zuge der Anwerbung sogenannter „Gastarbeiter“ nach Deutschland, heute leben hier schätzungsweise 200 000 Dersimer häufig bereits in der zweiten und dritten Generation. In den Dersim-Gemeinden gibt es den Wunsch nach einer Gedenkstätte für die Opfer der „Tertelê“ in Deutschland sowie einer Anerkennung der damaligen Ereignisse als Genozid (www.taz.de/!5553397/). Am 19. November 2009 fand im Europäischen Parlament auf Einladung der Fraktion DIE LINKE eine Konferenz unter dem Titel „Dersim 1937 – 38, die Aleviten, die Rolle des Staates“ statt. Diese Fachtagung kam nach Kenntnis der Fragestellerinnen und Fragesteller zu dem Ergebnis, dass die damaligen Ereignissen als vom türkischen Staat geplanter und durchgeführter Genozid nach der Völkermordkonvention der Vereinten Nationen gehandelt einzustufen sind (www.nadir.org/nadir/periodika/kurdistan_report/ 2011/156/17.htm).


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